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Bioökonomie- Von planetaren Grenzen & neuen Rohstoffen

Der globale ökologische Fußabdruck wird von Jahr zu Jahr größer. Das wird besonders deutlich am Erdüberlastungstag (Earth Overshoot Day), der in diesem Jahr bereits am 29. Juli war. Das heißt, dass wir ab jetzt Rohstoffe verbrauchen, die wir nicht haben, denn sie können sich nicht regenerieren, bis der nächste Zyklus beginnt. 1970 war dieser Tag noch am 29. Dezember, seitdem haben wir Raubbau betrieben und es ist höchste Zeit, daran etwas zu ändern. Die Bioökonomie gilt dabei als vielversprechender Ansatz, denn sie versucht, Ökonomie und die Ökologie zu verbinden, um ein nachhaltiges und klimaneutrales Wirtschaften zu erreichen.

Im letzten Jahr hat die Bundesregierung eine Nationale Bioökonomiestrategie verabschiedet, in deren einleitenden Absätzen das grundlegende Dilemma des ökologischen Wirtschaftens benannt wird: ›Um die Lebensgrundlagen für Menschen, Tiere und Pflanzen zu erhalten, muss der Ressourcenverbrauch auf ein ökologisch verträgliches Maß reduziert werden. Gleichzeitig gilt es, einer wachsenden Weltbevölkerung wirtschaftlichen Wohlstand und das Recht auf Entwicklung zu ermöglichen.‹ Weniger verbrauchen und gleichzeitig immer mehr Menschen mit Nahrung, Kleidung, Energie, Medizin und Technik zu versorgen – ein Widerspruch in sich.

Für den es nicht die eine perfekte Lösung gibt, sondern eher viele Puzzleteile, die, perfekt zusammengesetzt, Teil einer Lösung sein können. Der Ressourcenverbrauch ist bereits als zentrales Thema genannt, weswegen die Kreislaufwirtschaft ein wichtiger Ansatz in der Bioökonomie ist. Wenn man es schafft, dass am Ende einer Prozesskette nicht ungenutzte Reste übrigbleiben, sondern diese wieder zu einem Ausgangsprodukt werden, wäre schon viel geschafft. Dieser Kreislaufgedanke bezieht sich nicht nur auf Lebensmittel, sondern auch beispielsweise auf Textilien und andere Gebrauchsprodukte.

Dafür ist es wichtig, dass man chemisch produzierte Stoffe durch biologische Alternativen ersetzt, und zwar am besten durch nachwachsende Rohstoffe. Vorsicht ist allerdings auch hier geboten, denn bei den bisher benötigten Mengen besteht die Gefahr, dass man auch auf der Öko-Schiene den Planeten ausbeutet. Die Verringerung des Ressourcenverbrauchs ist deshalb ein weiterer Eckpfeiler der ökologischen Wirtschaft.

Hier setzt auch die Kritik der im Aktionsforum Bioökonomie engagierten Umwelt- und Entwicklungsverbände an, die den Standpunkt vertreten, dass es einer konsequenten sozial-ökologischen Transformation der Wirtschaft bedarf, um ›ein Wirtschaften innerhalb der planetaren Grenzen zu gewährleisten‹. Bei Öl, Kohle und Erdgas ist bereits klar, dass diese fossilen Rohstoffe sehr endlich sind und es wird weltweit daran gearbeitet, sie möglichst gut zu ersetzen. Das gelingt in Teilen bereits, aber es bleibt dabei: Wenn man die neuen Bio-Stoffe genauso ausbeutet wie bisher die fossilen, ist wenig gewonnen. Denn was nutzt es, wenn man Autoreifen zukünftig aus Löwenzahn herstellt, aber es nicht schafft, weniger Autos zu produzieren und Mobilität neu zu organisieren.

Dass das Wissenschaftsjahr 2020/21 dem Thema Bioökonomie gewidmet ist, wurde bisher durch die Corona-Pandemie in den Hintergrund gerückt. Dennoch schippert die MS Wissenschaft als schwimmendes Science Center der Bundesregierung von April bis Oktober über die Flüsse des Landes, um besonders jungen Menschen einen Einblick in das Thema zu geben. Und auch wenn es ein strapazierter Begriff ist, es erweitert tatsächlich den Horizont, wenn man Sneaker sehen und anfassen kann, die zum Teil aus Algenschaum bestehen oder merkt, dass ein T-Shirt aus Holz sich nicht rau, sondern weich anfühlt. Und dass man aus Kaffeesatz Tassen und Teller herstellen kann, wissen auch die wenigsten Besucher*innen vor dem Besuch der Ausstellung.

Steht man dann vor einem Exponat, das erklärt, wie mit Duftstoffen gezielt Schadinsekten eingefangen werden können, ohne dabei andere Lebewesen zu gefährden, hält man dies nicht mehr für ferne Zukunftsmusik, sondern für machbar. Dadurch kann der Einsatz von umweltschädlichen Pestiziden stark reduziert oder sogar völlig unnötig werden, was ein großer Fortschritt wäre. Denkt man dann allerdings an den Borkenkäfer, der im Harz von Baum zu Baum hüpfen und sich quasi ungehindert in den Wald-Monokulturen ausbreiten kann, ist klar, dass hier mit Duftstoffen nicht viel zu erreichen ist. Forst- und Landwirtschaft müssen anders aufgestellt werden, um sich möglichst selbst regulieren zu können.

Artenvielfalt, Kreislaufkonzepte, nachwachsende Rohstoffe, Indoor Farming und Aquaponik sind Stichworte dieser neuen Richtung. Außerdem werden Bakterien, Pilze und Algen eine große Rolle spielen, wenn es um den Ersatz von fossilen Rohstoffen geht. Und die klassische Land-wirtschaft wird in Zukunft vermehrt mit Wissenschaft-ler*innen aus den Bereichen Biotechnologie, Nanotechnologie und Künstlicher Intelligenz zusammenarbeiten, um eine nachhaltige und biobasierte Wirtschaftsform umsetzen zu können, orientiert an den Nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs, Sustainable Development Goals), die von der Weltgemeinschaft in der Agenda 2030 vereinbart wurden.

Gudrun Goldmann